Eine Reise zu den vergessenen Träumen – Ein innerer Frühjahrsputz
- jovankaruoss
- 22. Apr. 2024
- 3 Min. Lesezeit

Die letzten Wochen war ich intensiv mit Frühlingsputz beschäftigt. Habe geputzt, geschrubbt und gefegt. Nicht das Haus, nein, in mir drin.
Da hat sich die letzte Zeit Einiges angesammelt. Je mehr ich geputzt, geschrubbt und ausgemistet habe, desto mehr sind Stellen zum Vorschein gekommen, denen ich schon lange keine Beachtung mehr geschenkt habe. Manche Stellen waren bereits unter einer dicken Staubschicht verschwunden, kaum mehr zu erkennen, kaum mehr zu erreichen.
Ich habe versucht, die Stellen zu ignorieren.
Sie weiterhin in ihrem Staub liegen zu lassen.
Einmal entdeckt, genossen diese Stellen aber ihre wiedererlangte Sichtbarkeit und das bisschen Aufmerksamkeit. Sie waren nicht bereit, das einfach so aufzugeben und wieder unter der Staubdecke zu verschwinden. Der einmal aufgewirbelte Staub kitzelte in der Nase, raubte mir den Schlaf, verdarb mir den Appetit.
Es ist Zeit für einen gründlichen Frühlingsputz.
Versteckt unter der dicken Staubschicht sind viele längst geglaubte Kisten wieder aufgetaucht. Kisten, die ich vor Jahren in eine Ecke geschoben habe in der Hoffnung, dass sie sich mit der Zeit zersetzen und zu Staub werden würden. Doch sie haben sich nicht aufgelöst. Altlasten lösen sich weder in Luft noch Staub auf. Während die Zeit manche Altlasten von ihrem Gift befreit hat, sind manche erst mit den Jahren gefährlich geworden.
Da sitze ich nun in der hintersten Ecke meiner Seele mit meinem Gefahrgut.
Zuvorderst die “Mir-Selber-Treu-Sein”-Kiste, die ich mir in der Pubertät zugelegt und mit viel Liebe und Hingabe gefüllt habe. Stück für Stück habe ich die Kiste gefüllt, bis ich irgendwann eine Version von mir kreiert hatte, die sich stimmig anfühlte. Dieser Version hatte ich in meinem jugendlichen Enthusiasmus meine Treue geschworen. Nun sitzt sie da, die 17-jährige Version von mir, zusammengepfercht in der “Mir-Selber-Treu-Sein”-Kiste und schaut mich vorwurfsvoll an.
Ich versuche, mich zu erklären, zu verteidigen.
Doch die 17-jährige Version hat kein offenes Ohr. Sie ist verletzt und beleidigt, fühlt sich im Stich gelassen, betrogen: “Was ist mit all den Träumen passiert? Was ist mit den Lebensentwürfen passiert, die ich so sorgfältig entworfen habe?” Ich versuche zu erklären. Erkläre, dass das Leben dazwischen gekommen ist und dass manche Träume in der Realität wohl eher zu einem Albtraum geworden wären.
Meine Rechtfertigungsversuche fruchten nicht, lassen die 17-jährige Version noch wütender und enttäuscht zurück.
Ein Strategiewechsel muss her. Ich suche das Gespräch mit meinem 17-jährigen Ich. Versuche herauszufinden, wieso es so wütend und enttäuscht ist. Gemeinsam durchwühlen wir die Kiste und schauen uns die Träume und Lebensentwürfe von damals an. Mein 17-jähriges Ich hatte grosse Träume. Es wollte die Welt kennenlernen und entdecken. Es wollte zum Wohl der Menschen beitragen und die Welt zu einem besseren Ort machen.
Es strebte nach einem sinnvollen, erfüllten Leben.
Es ist enttäuscht, dass die Welt kein besserer Ort geworden ist und ich den Sinn des Lebens auch ein Vierteljahrhundert später noch nicht gefunden habe. Ich bitte mein 17-jähriges Ich um ein wenig Nachsicht und Verständnis. Ich bitte es, gemeinsam die Kiste durchzugehen und Stück für Stück zu entscheiden, was in der Kiste bleibt und was entsorgt werden kann.
Nach und nach ändert sich die Stimmung.
Ich spüre, wie das 17-jährige Ich sich öffnet und bereit ist, zu erzählen. Die Wut weicht Trauer. Trauer über verpasste Leben, Trauer über Träume, die halbherzig verfolgt und dann aufgegeben wurden. Trauer über Türen, die nicht mal einen Spalt breit geöffnet wurden. Gemeinsam beweinen wir die begrabenen Träume und die verschlossenen Türen.
Die Tränen wirken wie ein reinigendes Sommergewitter.
Ich atme ein, die Luft, rein und klar.



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