Die wundersame Welt des Staunens
- jovankaruoss
- 24. Dez. 2024
- 2 Min. Lesezeit

Vor einer Woche spazierte ich meine übliche Runde am Wasser entlang. An diesem Nachmittag schien die Sonne durch die schneebedeckten Bäume und Tierspuren waren im Schnee zu sehen. Ich hielt kurz inne und staunte.
Ich staunte über die Schönheit des Lichts, das in diesen kurzen Tagen des Winters so einzigartig ist.
Dieses Licht, das die Sonnenstrahlen kitschig durch die Bäume tanzen lässt und mich an die Bilder erinnert, die ich als Kind von der Sonne gemalt habe – grosser Kreis mit lächelndem Gesicht rechts oben und gelbe Strichte übers ganze Blatt verteilt. Ich machte eine Pause, atmete ein und genoss den Augenblick.
In Gedanken knipste ich ein Bild – ein stiller Versuch, diese besondere Stimmung festzuhalten.
Zur Sicherheit holte ich mein Natel aus der Tasche und schoss noch ein Foto. Zuhause angekommen, betrachtete ich das Foto und war enttäuscht. Das Foto fing das magische Licht nicht ansatzweise ein. Es zeigte bloss eine eher langweilige, schneebedeckte Lichtung in der Nähe des Bachs. Ich fragte mich, wie es sein konnte, dass ich vor wenigen Stunden an diesem Ort stand und staunend die Szenerie betrachtete.
Wie ich fasziniert den glitzernden Schnee, diese Kunstwerke im Kleinformat, bewunderte und es plötzlich still wurde.
Wie meine Gedanken zur Ruhe kamen und ich mich aufgehoben, wohl und geborgen fühlte. In dieser kurzen Pause öffnete sich ein mir bekanntes Fenster für einen kurzen, flüchtigen Augenblick. Es ist dieses Fenster in eine andere Welt. Eine Welt, die sich immer nur ganz kurz zeigt, mich aber jedes Mal andächtig zurück lässt.
Es ist dieses Fenster, das sich bei der Geburt meiner Kinder für kurze Zeit öffnete.
Es ist auch dieses Fenster, das sich beim Tod meines Vaters öffnete und es ist dieses Fenster, das sich mir in der Natur oder beim Hören bestimmter Lieder immer wieder einen Spalt breit öffnet und mir zeigt, dass da mehr ist, dass ich bloss ein kleines Teilchen von etwas Grösserem bin.
Wissenschaftler nennen das Gefühl zu diesem Fenster „Awe“.
Übersetzt bedeutet “awe” Ehrfurcht – eine Mischung aus Staunen und Respekt, die einen innehalten und ganz klein werden lässt. Die Forschungen zeigen, dass Ehrfurcht vor Dingen, die größer sind als wir selbst, unser Wohlbefinden steigern kann. In Momenten der Ehrfurcht fühlen wir uns verbunden mit der Welt. Ehrfurcht bewirkt, dass wir mitfühlender und rücksichtsvoller gegenüber unseren Mitmenschen und unserer Umwelt werden.
In der Weihnachtszeit hält die Welt den Schlüssel zu diesem Fenster in ihren Händen.
Die alljährlich wiederkehrenden Rituale lassen mich ehrfürchtig zurück. Das Schmücken des Baumes, das sanfte Flackern der Kerzen auf unserer Adventswurzel, die unzähligen Lichter an Häusern und Bäumen, die wie Sterne die langen Dezembernächte erhellen, berühren mein Herz.
Und jedes Jahr aufs Neue berühren mich die Klänge von „Stille Nacht, heilige Nacht“ in besonderer Weise.
In diesem Moment öffnet sich mir dieses Fenster einen Spalt breit und ein Hauch von Ewigkeit weht hinein. Ich fühle mich klein und unbedeutend – und doch aufgehoben, Teil von etwas Grossem.
In diesem Sinne wünsche ich allen fröhliche Weihnachten. Möge sich auch euch das Fenster einen Spalt breit öffnen.



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