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Ausgrenzung und Zugehörigkeit: Eine persönliche Reflektion zur Weihnachtszeit

  • Autorenbild: jovankaruoss
    jovankaruoss
  • 24. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Am 11. November war Schulgottesdienst. Ich sass mit meiner Klasse in der Kirche und war damit beschäftigt, aufkeimende Gespräche unter meinen Schülern mit sanften oder weniger sanften Blicken im Keim zu ersticken. Ab und zu zischte ich ein „Pssst“ in die Richtung einiger Buben, die sich wohl gegenseitig grad einen besonders tollen Witz erzählt hatten.


Insgesamt waren meine Bemühungen zur Ruhe einigermassen erfolgreich.


Ich lehnte mich zurück und konzentrierte mich auf die Worte des Pfarrers, der uns zur Feier des heiligen Martins begrüsste. Den heiligen Martin habe ich erst in Österreich kennengelernt. Und ehrlich gesagt finde ich seine Geschichte ein wenig komisch. Ein Bettler friert und der heilige Martin, zu der Zeit noch gewöhnlicher Soldat, teilt seinen Mantel mit ihm. Die Idee ist nicht sehr überzeugend. Ein in zwei Teile zerschnittener Mantel wärmt weder Martin noch den Bettler. Aber ok, die Geste zählt, denke ich mir.


Nun tritt unsere Direktorin nach vorne und liest einen Brief vom Heiligen Martin vor.


Der heilige Martin bedankt sich bei den Kindern, dass er sie nun schon so lange begleiten darf. Er erklärt, dass ihn immer wieder Kinder fragen, wieso er denn den Mantel mit dem Bettler geteilt habe. Seine Antwort war wohl für viele Kinder nicht unbedingt befriedigend. “Ich habe nicht überlegt, ich habe es einfach getan”, erklärte er.


Er hat es einfach getan. Er war einfach freundlich. 


Einfach. Das Wort blieb bei mir hängen. So einfach ist es eben nicht. Nach einer soeben beendeten Kinder-Eltern-Lehrer-Gespräch-Runde kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass  das freundliche Miteinander nicht ganz so einfach ist. Meine eigenen Erinnerungen an meine Schulzeit zeichnen auch ein anderes Bild. Wie oft wollte ich nicht in die Schule gehen, weil ich Angst hatte, ausgegrenzt zu werden. 


Und wie oft habe ich selbst andere ausgegrenzt?


In der Rückschau ist mir mein Verhalten unangenehm und für einige Taten schäme ich mich auch heute noch ein wenig. Ich war unfreundlich zu Mitschülerinnen, habe über sie gelacht, hinter ihrem Rücken getuschelt. Im gemeinsamen Ausgrenzen fühlte ich mich gut, fühlte ich mich stark.


Ich fühlte mich zugehörig.


Dafür nahm ich auch in Kauf, dass sich andere Mitschülerinnen schlecht fühlten. Irgendeinen Grund liess sich immer finden, wieso sie es schon irgendwie verdient haben. Und sei es bloss ihre Andersartigkeit, die Sommersprossen im Gesicht, die Schwierigkeiten beim Vorlesen oder der neue Pulli, den ich eigentlich gern selbst gehabt hätte. 


Das ging so lange gut, bis ich selbst wieder an der Reihe war.


Plötzlich war mein neuer Pulli Anlass zur Ausgrenzung und ich spürte den Hass und die Einsamkeit. In der Regel dauerte die Ausgrenzung einige Tage. Doch bereits zwei bis drei Tage sind in einem kleinen Schulleben ganz schön lang. Also gesellte ich mich jeweils zu den zwei bis drei Mädchen aus der Klasse, die nie so richtig dazu gehörten. 


Sie waren mein Auffangbecken. 


Während meiner Verbannung durfte ich die Pausen mit ihnen verbringen. Sobald der Sturm vorüber war und ich wieder in “meine” Gruppe zurückkehren durfte, beachtete ich sie nicht weiter. Dann war ich wieder damit beschäftigt zu schauen, wer als nächstes verbannt werden könnte. Solange man nicht selbst Ziel der Verbannung war, hatte man eine Verschnaufpause. 


Es wurden nie zwei gleichzeitig verbannt. 


Weil dies hätte das Gruppengefüge ins Wanken bringen können. Wir wussten das. Nicht bewusst, nicht in Worten. Aber wir spürten es. Wir spürten, dass die Gruppe einen Feind brauchte. Wir spürten, dass der Zusammenhalt davon abhing, dass jemand draussen war. Wir spürten, dass es Regeln gab, auch wenn sie niemand ausgesprochen hatte.


Diese Ausgrenzung schuf Sicherheit. 


Solange jemand anderes draussen war, war man selbst es nicht. Sie zog eine klare Linie durch das diffuse Gefüge der Gruppe. Sie erzeugte Nähe, ohne dass wir uns und unsere eigene Verletzlichkeit zeigen mussten. Gemeinsam über jemanden zu lachen, zu tuscheln, sich abzuwenden reichte aus, um dazuzugehören. Es war eine Form von Gemeinschaft, die einfach war. 


Diese Logik verstehen nicht nur Kinder. Diese Logik verstehen auch Erwachsene. 


In den letzten Jahren wurde diese Logik der Ausgrenzung wieder salonfähig. Ohne Scham wird gegen Minderheiten gehetzt, politische Gegner herabgewürdigt und Zugehörigkeit darüber definiert, wer nicht dazugehört. Das Muster ist vertraut. Es verspricht Ordnung in unübersichtlichen Zeiten und schafft ein schnelles Wir, ohne echte Verbindung. Daniel Schreiber, einer meiner Lieblingsautoren, beschreibt, wie wirkungsvoll diese Form der Abgrenzung ist. Und wie gefährlich. 


Sie entlastet kurzfristig, aber sie vergiftet das Miteinander. 


Zurück bleibt ein öffentlicher Raum, in dem Verachtung lauter ist als Zuhören und in dem Ohnmacht zum Grundgefühl wird. Um dem entgegenzutreten, ruft Daniel zu radikaler Freundlichkeit auf, er ruft dazu auf, Gemeinschaften zu gründen und Begegnungsräume zu schaffen, in denen man sich mit Respekt begegnet und in denen sich Formen der Liebe entfalten können.


Ich denke an die Mädchen aus meiner Schulzeit. 


Sie waren einfach da. Für sich. Für einander. Und wenn ich verbannt wurde, auch für mich. Ohne es zu wissen, haben sie einen solchen Raum für mich geschaffen. Ich denke an mein Klassenzimmer und ich hoffe, dass ich den Kindern meiner Klasse auch einen solchen Raum geben kann, in dem sie sich wohlfühlen und sich gegenseitig mit Wohlwollen und Respekt begegnen. 


Die Gespräche mit den Eltern zeigen, dass mir das nicht immer gelingt. 


Aber ich versuche es weiter. Tag für Tag. Nicht nur Hass ist ansteckend, auch Freundlichkeit verbreitet sich. Vielleicht langsamer, vielleicht leiser. Aber sie tut es. Ich denke wieder an Martin, an seinen Satz: “Ich habe nicht überlegt, ich habe es einfach getan.”


Ich merke, dass er gar nie gesagt hat, dass es einfach ist. 


Er hat nur gesagt, dass er es einfach getan hat. Ohne zu überlegen. Ohne Erwartung. In der Nacht ist ihm Jesus im Traum erschienen mit dem halben Mantel. Erst da merkte Martin, wem er wirklich begegnet war. Jesus fror nun nicht mehr. Es war wohl kaum der halbe Mantel, der ihn gewärmt hat. Es war die Geste. Eine Wärme von innen.

 
 
 

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